Beatrice Schweingruber
Der bekannte Luzerner Chirurg Dr. Jean-Pierre Schleiss wird während eines heftigen Gewitters erschlagen in der Kleinen Emme aufgefunden. Hauptkommissarin Sanja Reusser und ihr Ermittlerteam stehen vor einem Rätsel. Was zunächst wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich schnell als kaltblütiger Mord.
Die Spur führt in die Vergangenheit des Opfers – und in eine düstere Welt voller Lügen, Intrigen und ungesühnter Schuld. Während die Polizei versucht, das Puzzle zusammenzusetzen, geschieht ein weiteres Verbrechen.
Sanja Reusser erkennt: Der Mörder ist nicht bereit, aufzugeben. Denn was er begonnen hat, ist noch nicht zu Ende …
Gute Besserung hatten sie mir gewünscht. Gute Besserung. Ja, ich dankte ihnen. Ich wusste meine freie Zeit zu nutzen. Seit langer Zeit hatte ich einen Plan im Kopf. Jetzt wollte ich ihn umsetzen. Endlich.
Mit einem schwarzen, für diesen Zweck gemieteten Kleinwagen folgte ich dem Mann seit Tagen. Ich kannte seine Gewohnheiten. Ich kannte den Treffpunkt. Immer am selben Ort. Ich musste zugeben, dieser war ideal gewählt. Ein abgelegener Platz nahe am Fluss, klein, kaum einsehbar, umgeben von Bäumen und Büschen. Kein öffentlicher Verkehr, und die alte Holzbrücke war die einzige Verbindung zum anderen Ufer. Oft kam der Mann abends hierher. Er war attraktiv und wirkte selbstsicher und erfolgreich, Dinge, die den Frauen gefielen. Seine Begleiterinnen waren zum Verwechseln ähnlich. Gross und schlank mussten sie sein. Das war sein Beuteschema. Wohin sie danach fuhren, wusste ich nicht. Es war zu riskant, ihnen an diesem abgelegenen Ort zu folgen. Ich wäre aufgefallen. Ich war vorsichtig.
Wie ich diesen selbstgefälligen Menschen hasste. Seit Jahren schon. Seine Arroganz. Wer sich ihm nicht unterwarf, hatte verloren. Dass er sämtliche Werte mit Füssen trat, interessierte niemanden. Mich schon.
Seine Stimme hallte in meinem Kopf wider, messerscharf. «Du wirst es nie zu etwas bringen, verstehst du?» Immer wieder hatte der Mann das gesagt. Mit diesem hämischen Lächeln, während die anderen lachten. Damals stand ich schweigend da, gedemütigt und allein. Doch heute sollte sich das Blatt wenden. Heute war ich nicht mehr stumm. Ich kannte den Mann und wusste, dass er Überraschungen hasste, besonders unangenehme. Er war ein Kontrollfreak, stolz darauf, alles im Griff zu haben. Deshalb kam der Mann regelmässig dreissig Minuten vor den Frauen zum Treffpunkt, um die Umgebung zu überprüfen, potenzielle Gefahren zu erkennen und sicherzustellen, dass alles nach Plan verlaufen würde.
Der kleine Parkplatz war zu eng für mehrere Autos. Meinen Kleinwagen hatte ich wie immer unter den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite geparkt, wo er nicht auffiel. Im Halbdunkel der Abenddämmerung verschmolz er mit der Umgebung. Es hätte das Auto eines Hundehalters sein können, der abends seinen Hund ausführte.
Ich lauerte im Gebüsch und wartete. «Was, wenn es schiefgeht?», flüsterte ich mir, plötzlich unsicher, selbst zu. «Es wird nichts schiefgehen. Ich habe alles geplant. Wenn ein unerwarteter Passant in der Nähe auftaucht, verschwinde ich durch die dichten Büsche. Wie überprüft», beruhigte ich mich. Mittlerweile kannte ich die Gegend wie meine Hosentasche.
Das Rauschen des überfluteten Flusses und fernes Donnergrollen drangen an mein Ohr. Jeden Abend zogen schwere Gewitter über die Gegend. Ich fühlte, dass es heute funktionieren würde. Ich wusste es. Das Wetter spielte mir in die Karten und das Hochwasser kam mir zugute. Die Strömung war stark genug, einen Körper weit flussabwärts zu treiben.
Es war düster, der Wind hatte aufgedreht und doch war es schwül. Das Gewitter würde die Spuren verwischen. Der Schweiss rann mir in den Kragen. Langsam streifte ich mir die Handschuhe über und ergriff den Hammer. Meine Haare hatte ich zusammengebunden und sorgfältig unter einer Mütze verborgen. Ich war bereit. Ich fühlte mich stark und mächtig.
Plötzliches Rascheln hinter mir. Ich zuckte zusammen. Es war nur eine Katze. Ich wollte ihr mit dem Fuss einen kräftigen Tritt versetzen, aber sie war schneller als ich. Dämliches Vieh.
Dann hörte ich ein Motorengeräusch und nahm augenblicklich meine Position wieder ein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, obwohl ich wusste, dass ich alles getan hatte, um unentdeckt zu bleiben. Vorsichtig spähte ich von meinem Versteck auf den Parkplatz. Es war der Mann, ich erkannte seinen Wagen. Ein Blick auf die Uhr bestätigte es mir. Dieselbe Zeit. In dreissig Minuten würde seine Geliebte kommen. Wie immer. So musste es sein, sonst würde mein Plan nicht aufgehen. Sonst war es zu riskant.
Der Mann blieb wie üblich im Auto sitzen. Was er tat, wusste ich nicht. Dann stieg er aus, warf einen flüchtigen Blick auf den Kleinwagen und ignorierte ihn. Wie an den Tagen zuvor. Er umkreiste den Vorplatz den Büschen entlang, sah sich um und blickte die Böschung hinab. Er kam immer näher.
Ich hielt den Atem an. Meine Hände umklammerten den Hammer so fest, dass die Knöchel weiss hervortraten. Noch zwei Schritte. Dann stand er direkt neben mir. Jetzt.
Mit einem Schrei, der fremd in meinen Ohren klang, sprang ich aus meinem Versteck. Der Hammer sauste herab, ein gezielter Schlag. Doch er reagierte schneller, als ich erwartet hatte — das Metall streifte nur sein Ohr. Er taumelte zurück, brüllte vor Schmerz und riss instinktiv die Hände hoch. Seine Augen, gross und entsetzt, bohrten sich in meine. Es war, als würde die Zeit stehen bleiben. Sein Mund formte ein stummes Wort, dann ein Schrei.
Mein zweiter Schlag war instinktiv, brutal. Der Hammer krachte gegen seinen Schädel. Er sackte in die Knie, doch seine Finger klammerten sich verzweifelt an meine Jacke. Ein letzter Versuch. Blind vor Wut schlug ich erneut zu. Ein widerliches Knacken. Blut spritzte auf meinen Arm, und sein Griff löste sich. Der Körper kippte seitlich um und blieb in unnatürlicher Haltung liegen. Still. Regungslos.
Ich starrte auf das, was ich getan hatte. Mein Atem raste. Ich wischte mit dem Ärmel über mein Gesicht.
Dann steckte ich den Hammer in den Hosenbund, packte den Mann unter den Armen und schleifte ihn die Böschung hinunter. Der Regen setzte ein, schwer und gnadenlos, und binnen Minuten war ich von Regen und Schweiss komplett durchnässt. Es war, als würde die Natur selbst gegen mich ankämpfen. Aber ich würde gewinnen. Ich musste.
Der Mann war deutlich schwerer als erwartet. Seine Beine verfingen sich im Geäst und schienen sich gegen mich zu wehren. Ich zerrte und fluchte leise, mein Atem ging stossweise. Ich kämpfte verbissen, bis sich die Beine lösten. Ich rutschte auf dem matschigen Boden aus und fiel der Länge nach hin. «Verfluchte Scheisse.» Mein Hass auf den Mann wuchs noch weiter.
Ich kämpfte mich auf die Beine, packte den Mann wutentbrannt und zerrte ihn weiter die Böschung hinunter. Mit letzter Kraft wuchtete ich ihn über die Kante und liess ihn ins Wasser fallen. Die Strömung erfasste den leblosen Körper und trieb ihn zu einem Felsvorsprung, wo er erneut hängenblieb. Fluchend stieg ich ins kalte Wasser, rutschte auf den Steinen aus und konnte mich gerade noch an einem Ast festhalten. Ich watete zum Körper, zog ihn weg und stiess ihn zurück in die Strömung, die ihn wieder erfasste und erbarmungslos flussabwärts zog. Ich beobachtete ihn, bis er aus meinem Blickfeld verschwand.
Ich betrachtete die Spuren, die im Schlamm deutlich sichtbar waren. Mit einem bereitgelegten Ast fegte ich hastig darüber, doch der aufgeweichte Boden machte es schwer. Der Regen würde helfen, aber wenn jemand genau hinsah … Nein, keine Zeit für Zweifel. Ich schob den Ast zurück ins Gebüsch, um keine zusätzlichen Spuren zu hinterlassen, und überprüfte hektisch den Bereich. Es musste reichen. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass ich mehr Zeit benötigt hatte als geplant. Ich musste mich beeilen, bevor die Frau kam.
Mit klammen Fingern riss ich die Handschuhe ab und stopfte sie hastig in meine Hosentasche. Der Regen trommelte auf das Wagendach, als ich mich in den Sitz fallen liess, den Schlüssel umdrehte und den Motor startete. Schmutzig und völlig durchnässt lenkte ich meinen Kleinwagen über den holperigen Weg. Erst jetzt bemerkte ich das heftige Zittern meiner Beine, als die Anspannung langsam nachliess.
Ich blickte in den Rückspiegel. War das ein Licht? Eine Bewegung?
Einfach weiterfahren.