ADAGIO

Christian Schweingruber

ADAGIO ist hochaktuell. Nicht nur, weil es einen Finanzskandal in Zug thematisiert, sondern weil es Verbindungen herstellt zwischen historischem Unrecht und heutiger Straflosigkeit. Zwischen Vergangenheit, die nicht vergeht, und Gegenwart, die zu bequem ist, um zu erinnern. Zwischen Kirche, Staat und Wirtschaft – drei Machtpole, die im Roman ineinandergreifen. ADAGIO ist ein literarischer Thriller, der uns zwingt, hinzuschauen. Langsam – aber nicht zu langsam. Die Gefahr ist nicht gebannt, wie es einmal heisst – und das gilt nicht nur für Julia Brenner.

Erstes Kapitel — Mittagspause in Zug.

Julia entspannte sich. Mittagspause. Sie war zurück. Zuhause in ihrem Appartement. Der Fahrstuhl hatte sie lautlos in das zweitoberste Stockwerk des gläsernen Wohnturms mit seinen 24 Etagen gebracht.

 

Julia betrat die Wohnung und griff nach dem Schlüssel. Routine: Tür öffnen, schliessen, abschliessen.

 

Doch ihr Verstand war woanders. Sie dachte nur an ihren Plan. Hatte sie an alles gedacht? Das Treffen mit Stiffler, die Dokumente, die richtigen Worte?

 

Sie legte die leere Tasche auf die Theke. Der Schlüssel rutschte unbemerkt aus ihren Fingern, landete lautlos auf dem weichen Teppich. Sie bemerkte es nicht. Wie so oft in letzter Zeit.

 

Die Tür blieb unverschlossen.

 

Die bodentiefen Fenster fluteten den Raum mit Licht und eröffneten den weiten Blick in die Ferne. Julia lebte seit einigen Monaten hier und bewunderte immer wieder die atemberaubende Aussicht auf den See und die dahinterliegenden Berge.

 

Sie hatte das Bedürfnis nach einer Dusche. Das warme Wasser löste ihre Muskeln, das Duschgel duftete zart und angenehm. Sie reinigte ihre immer noch elastische Gesichtshaut und trug sorgfältig eine Anti-Aging-Crème auf.

 

Dem sorgfältig geordneten Kleiderschrank entnahm sie bequeme, beige Leinenhosen und ihren heissgeliebten, luftigen Oversize-Pullover. Mit einem Glas Rotwein in der rechten Hand setzte sie sich auf ihr Sofa. Sie betrachtete ihre langen Beine und gepflegten Füsse. Nach all der Aufregung war sie endlich allein.

 

Sie war sich bewusst, dass sie sich mit ihren Plänen in grosse Gefahr brachte. Aber sie war eine starke Frau, sie konnte mit der Angst umgehen.

 

Doch wie lange noch?

 

Sie wusste es nicht. Sie war sich nur sicher, dass die nächsten Tage ihr Leben stark verändern würden. Sie hatte alles durchdacht und viele mögliche Folgen durchgespielt.

 

Sie musste und wollte es tun. Sie war bereit.

 

Sie drückte die Taste der Fernbedienung. Aus den im Raum verteilten vier Boxen erklang Musik von Mozart – ihre Lieblingsmusik: Das Flötenkonzert Nummer 1 in G-Dur, KV 313: II. Adagio ma non troppo, gespielt von Emmanuel Pahud und den Berliner Philharmonikern. Musik in höchster Form von Kunst. Anmutig, leicht, schwebend, intim, zart, klar und den Raum füllend.

 

Sie liess vergessen, was Stunden zuvor noch wichtig gewesen war. Mozart holte Julia in ihren Emotionen ab. Er trug ihre Seele in ein anderes Universum. Sie schloss die Augen und gab sich dem Spiel des Flötisten und des ihn begleitenden Orchesters hin.

 

Sie spürte eine zurückkehrende Zufriedenheit und Dankbarkeit, endlich wieder einen friedlichen Moment erleben zu dürfen.

 

Das Leben kam zurück. Die Gefahr war noch nicht gebannt, aber für einen Moment war Mozart stärker als ihr Verfolger. Sie spürte die Gefühle von Sicherheit und Vertrauen. Adagio ma non troppo. Langsam, aber nicht zu sehr.

 

Die Tür öffnete sich lautlos und unbemerkt. Julia hatte vergessen, sie mit dem Schlüssel zu schliessen. Auch sie machte Fehler. Im Nachhinein ärgerte sie sich jeweils über sich selbst. Sie wusste, es könnte fatal sein.

 

Heute hatte sie nicht daran gedacht.

 

Eine Person trat ein und entledigte sich leise und mühsam ihrer Schuhe. Die Person schlich langsam und vorsichtig über das Parkett aus amerikanischer Kirsche. Sollte Mozart eine Pause machen, würden von den Socken keine Geräusche ausgehen. Und die Musik würde auch seinen erhöhten Herzschlag übertönen.

 

Es war so weit. Die Person hatte es lange überlegt. Alle inneren Zweifel waren verstummt. Ein Gefühl hatte gesiegt. Eher ein Trieb, ein Drang, eine Mission. Nachher würde nichts mehr sein wie zuvor. Es gab kein Zurück. Ihr Blick verengte sich, sie sah in die Hölle. Alles geschah von selbst, und doch bewusst und kontrolliert. Jetzt!

 

Julia spürte einen sanften Luftzug, sah eine Gardine sich leicht bewegen. Sie drehte verwundert ihren Kopf — die Tür und die Fenster waren doch geschlossen. Sie sah einen Schatten, wollte schreien.

 

Zu spät. Jemand griff von hinten um Julias Hals. Julia riss die Augen auf, rang nach Luft. Vergeblich. Die Person hielt sie fest, liess nicht los. Es war kein starkes Würgen, aber die Person liess nicht nach. Julia rang nach Luft, versuchte zu atmen. Hoffte auf Befreiung. Vergeblich. Sie glaubte, einen eigenartigen Duft zu riechen, aber dann verlor sie ihre Gedanken, ihre Gefühle und schliesslich ihr Bewusstsein. Ihr Körper sank leblos auf das Sofa.

 

Die Person suchte nach einem Puls. Nichts. Sie hatte gute Arbeit geleistet — wie geplant. Kein Kampf, kein Blut, keine Schreie. Sachlich gesehen: ein sauberer Tod.

 

Sie durchsuchte in allen Räumen Schubladen und Kästen. Sie fand nichts. Dann, auf der Theke, die Aktentasche. Zum Glück unverschlossen.

 

Endlich. Gespannt blickte sie hinein. Eine Visitenkarte eines Rechtsanwalts namens Gian Stiffler. Advokatur und Notar in Zug. Ein kleines Notizheft ohne Notizen. Nutzlos. Ein Kugelschreiber mit Aufschrift Stesa Bank AG. Auch nutzlos. Das war alles.

 

Das hatte die Person nicht erwartet. Sie fluchte leise vor sich hin. Ein Moment der Panik kam auf, nur kurz. Aber es war zu spät, den Plan zu ändern. Ein Teil war getan, und es gab kein Zurück. Sie atmete mehrmals tief durch und legte die Aktentasche zurück.

 

Die letzten Takte von Mozarts Flötenkonzert klangen durch den Raum. G-Dur. Es war, als schwebe der Geist der Toten auf den sanften Tönen leise hinaus in den Himmel.

 

Lautlos, mit ruhigem Schritt, verliess die Person das Appartement.

 

Julia war tot. Aber die Gefahr noch nicht gebannt. Sie wollte nicht, aber sie musste weitermachen. Langsam, aber nicht zu viel.

 

Adagio ma non troppo.

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